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Zu Besuch bei: Mirjam in Mülheim

By November 7, 2017 No Comments

Mülheim-Styrum – nicht gerade die feinste Adresse der Stadt, sondern eher das, was man „authentisches Ruhrgebiet“ nennt. „Vor der türkischen Bäckerei links rein und dann an dem pinken Tor klingeln“, lautete die Ansage. Gesagt, getan. Langsam schiebt sich das Tor auf, freundliches Hundegebell ertönt, und es öffnet sich der Blick in ein Hinterhofidyll, wie es schöner kaum sein könnte. Und da kommt auch schon fröhlich lachend Mirjam auf mich zu: „Willkommen in der Alten Schachtel!“

Meine Laune, die eh schon gut ist an diesem sonnigen Nachmittag im Mai, steigt noch weiter, als mich Konrad und Ferris überschwenglich begrüßen. Die beiden Bearded Collies wohnen mit Mirjam hier in der Alten Schachtel, wobei der Name ein bisschen irreführend ist, denn schachtelig ist hier gar nichts. Im Gegenteil, die drei wohnen seeeeehr großzügig in einer loftartigen Halle von insgesamt über 400 Quadratmetern. Unendliche Weiten!

Naja, ich stehe jedenfalls staunend in der Wohnhalle und brauche erstmal ein paar Minuten, um alles wahrzunehmen und mich zurechtzufinden. Kaum findet mein Blick kurz halt, hüpfte er schon weiter zum nächsten Eyecatcher. Da, der goldene (!) Küchenschrank, uh, das alte Geschirr, da hinten, die knallfarbige Sitzgarnitur, und aaaah, eine echte Orgel, und die ganze lange Fensterfront, wie toll ist die denn, und wow, die ewig lange Küchenzeile davor, der große Esstisch und überhaupt, der ganze Platz überall!

Miriam, die eher von zarter Statur ist, wirkt wie eine kleine Elfe in diesem Ambiente. Doch der erste Eindruck täuscht: Zarte Statur ja, aber drin steckt ein starker Wille, eine toughe Frau, wie ich schnell merke: „Ich hatte Lust, mein eigenes Ding zu machen.“ Und das ist: Großzügig wohnen und das dadurch finanzieren, dass die „Alte Schachtel“ für Veranstaltungen genutzt wird.

Zum einen organisiert Mirjam kleine, aber feine Konzerte und Lesungen, zum Beispiel mit Holly Lohse, bekannt als Sänger der Gothic Band Letzte Instanz. Bei solchen Gelegenheiten wird die Alte Schachtel kurzerhand umgeräumt, es entsteht eine Art Bühne und davor stehen Stuhlreihen – die Wohnzimmeratmo bleibt jedoch enthalten. Solche Events will Mirjam in Zukunft verstärkt anbieten. Also am besten beobachtet ihr ihre Facebook-Seite, denn ganz ehrlich, meiner Meinung nach ist diese Location ein echtes Kleinod und perfekt für besondere Auftritte. Und wenn ihr jetzt denkt, Mensch, das wäre doch super für unsere nächste Firmenveranstaltung – zum Beispiel eine Feier, ein Meeting oder ein Seminar – dann werdet ihr euch jetzt freuen: Ja, man kann die Halle mieten!!!

Ich wette, in so einem semiprivaten Ambiente sind alle Teilnehmer viel entspannter und kreativer als in den üblichen Konferenzräumen. Und ich bin ja sowieso felsenfest davon überzeugt, dass die Umgebung einen wesentlichen Einfluss auf die Kreativität und letztendlich die Leistung hat. Es ist nicht egal, ob man in einem rein funktional eingerichteten Raum arbeitet oder in einem nach Wohlfühlaspekten gestalteten … Wenn ich eine große Firma hätte (und nicht eine One-Woman-Show wäre), würde ich die Schachtel dann und wann als Think Tank mieten oder für Workshops. Die Möblierung ist so mobil und flexibel, dass sie an die unterschiedlichsten Bedürfnisse angepasst werden kann. Stört es Mirjam nicht, wenn häufig so viele fremde Menschen in ihrem Zuhause sind? „Erstaunlicherweise nicht. Ich war zuerst skeptisch, aber dann habe ich festgestellt, dass es total okay für mich ist und hab mich schnell entspannt.“

Ich finde die Weite in diesem Raum einfach toll, bin total begeistert. Das Kathedralengefühl wird nicht zuletzt durch die riesige Orgel hinten an der Wand noch verstärkt. Sie ist eine Hinterlassenschaft des Vorbesitzers, und vor allem: sie funktioniert! Davor steht auf einem Orientteppich eine Gruppe von samtigen Sesseln und einem Sofa, die in einem kleineren Raum viel zu wuchtig wären, aber in diesem Ambiente perfekt zur Geltung kommen.

Nur durch ein offenes Ikea-Regal abgetrennt ist die Küche, pardon, der Küchenbereich. Der Hit ist die lange Arbeitsplatte: Sie besteht aus zwei extra für diese Situation gegossenen Beton-Platten. Sieht edel aus und ist laut Mirjam auch tatsächlich pflegeleicht, sprich man kann heiße Töpfe drauf abstellen und muss nicht sofort hektisch hinter jedem Fleck herwischen. Hergestellt wurden sie übrigens vorne im Gartenhof, denn so schwere Teile ohne Bruch zu transportieren, wäre wohl sehr umständlich gewesen. Unter der Platte reihen sich Ikea-Schränke aneinander: praktisch, einfach und unverwüstlich. Mirjam kocht fast täglich für sich oder auch für ihre Freunde. Dann sitzen alle gemütlich an dem großen Holztisch und lassen sich Mirjams Spezialgericht schmecken: Muscheln (mit Knoblauch, Chili, Tomaten und Lauch).

Vom Tisch aus fällt der Blick auf einen gold (!) gestrichenen Küchenschrank, ein Erbstück von ihrer Oma mit Vitrinenteil oben und geräumigem Unterteil. Mirjams Goldliebe setzt sich bei dem alten Friseurstuhl neben der Schlafzimmertür fort. Er war ziemlich abgerockt, und da hat sie ihn einfach gold gestrichen – und zack, schon hatte er diese edle Ausstrahlung, nicht zuletzt durch die bunten, funkelnden Glassteinchen, die sie auf die Lehnen geklebt hat.

Apropos Schlafzimmer, ich weiß nicht, wie groß dieses ist, aber ich schätze mal, in etwa so groß wie sonst eine Zweizimmerwohnung. Gleich zwei Lagerstätten gibt es: Mirjams Schlafbett (das – wen wundert’s – gold gestrichen ist) und ihr Tages- bzw. Lümmel- und Fernsehbett, mit einer schönen Tagesdecke drauf und voller Kissen. Hat alles ein bisschen was von 1001 Nacht – orientalische Gemütlichkeit pur!

Klar, dass selbst das Badezimmer sehr großzügig ist. Mirjam nennt es übrigens nicht so, sondern „Badewannenzimmer“, womit klar sein dürfte, welcher Einrichtunggegenstand für sie der wichtigste ist. Direkt über der Badewanne ist ein Fenster, von dem aus man die ganze Halle überblicken kann. Cool, oder?

Nach soviel Wohnunggucken schwirrt mir der Kopf und wir setzen uns zum lauschigen Plausch in den Gartenhof. Auch hier hat Mirjam noch viel vor. Sie spielt mit dem Gedanken, auch draußen Veranstaltungen anzubieten, etwa einen kleinen Trödelmarkt. Platz hat sie jedenfalls genug und auch die Atmospähre ist schön trödelig. Überall stehen Kübelpflanzen und Sitzgelegenheiten mit vielen Kissen. Ich fürchte, wenn ich so wohnen würde, käme ich überhaupt nicht mehr an die Arbeit …

So viel Platz hat sie, und sie genießt ihn sichtlich. „Und was ist dein persönlicher Lieblingsplatz?“ frage ich sie zum Abschluss. „Das grüne Sofa und mein Schlafzimmer“, antwortet sie. Versteh ich gut! Bald darauf mach ich mich wieder auf die Räder, das pinke Tor schließt sich hinter mir und ich nehme mir fest vor, demnächst mal auf einem von Mirjams Events vorbeizuschauen. Ich würde mich freuen, wenn ich euch da treffe!