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Perlen der Provinz: Forum Castrop-Rauxel

By Oktober 24, 2017 No Comments

Ruhrpott-Piazza

Adresse
Forum Castrop-Rauxel
Europaplatz 1-10,
44575 Castrop-Rauxel

 

Architektur trifft Journalismus – so beschreibt sich der Stil und Herangehensweise von THE LINK. Der Dipl.-Ing. und Architekt Hendrik Bohle und der Journalist und Autor (cert.) Jan Dimog berichten über Ungewöhnliches, Überzeugendes und Überraschendes, über Spannendes, Authentisches und Innovatives in der Architektur und Stadtkultur.

Der erste Eindruck irritiert. Ein Stadtzentrum auf der grünen Wiese? Ein Platz abgeschirmt von hoch aufragenden Klinkerwänden, trutzig und düster? Umgeben von lockerer eher kleinteiliger Bebauung. Sah so die Utopie eines pulsierenden Bürger-Forums der 1960er Jahre aus? Das Bild ändert sich, sobald man das heutige Forum Europaplatz betritt. Nach und nach erschließt sich die ausgezeichnete und präzise ausformulierte Architektur, ein wenig getrübt vom altersbedingtem Verschleiß und der Unvollständigkeit des Ensembles.

Um die vielen Eingemeindungen besser miteinander verknüpfen zu können, lobte die Gemeinde Castrop-Rauxel 1966 einen beschränkten Wettbewerb zu Errichtung ihres neuen Stadtzentrums aus. Das neue Forum sollte als zentraler Anziehungspunkt Verwaltung, Kultur und Sport miteinander verbinden und ein sichtbares, identitätsstiftendes Zeichen setzen. Erste Planungen gab es dazu schon in den frühen 1930er-Jahren. Castrop-Rauxel bestand seit 1926 aus zehn Gemeinden und der Stadt Castrop. Die Aufgabenstellung war ambitioniert, die Teilnehmerliste der Architekten hochkarätig besetzt. Alvar Alto, Finnlands progressivster Architekt, konnte damals bereits auf eine erfolgreiche Laufbahn blicken. Gerade steckte er in den Planungen für das Opernhaus der benachbarten Stadt Essen fest. Es sollte erst 1988 fertiggestellt werden, zwölf Jahre nach seinem Tod. Egon Eiermann hatte mit seinem modernen Entwurf der kriegszerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg für Aufsehen gesorgt. Nicht zu vergessen ist auch sein Design für die legendären „Horten-Kacheln“, die im ganzen Land die Fassaden der Warenhäuser schmückten. Paul Schneider-Esleben war mit richtungsweisenden Bauten, wie der Haniel-Garage, dem Mannesmann Hochhaus und der Rochuskirche nicht nur in der Landeshauptstadt Düsseldorf ein geschätzter Planer. Auch Friedrich-Wilhelm Kraemer, u. a. Architekt der kuppelgedeckten Frankfurter Jahrhunderthalle, bewarb sich um den Auftrag in der nordrhein-westfälischen Provinz. Den Zuschlag erhielten schließlich die renommierten dänischen Architekten Arne Jacobsen und Otto Weidling. Das Team konnte als einziges mit einem schlüssig funktionalen und architektonisch zukunftsweisenden Entwurf punkten, der der zusammenwachsenden Stadt eine neue Identität verleihen sollte.

Erschlossen wird der Platz im Westen über eine Rampe im Osten über eine breite Treppenanlage. Im Norden bildet das Rathaus auf einer Länge von etwa 250 Meter einen monumentalen Abschluss. Hier lässt sich Jacobsens Vorliebe für das Vertikale besonders gut ablesen. Der fünfgeschossige Ziegelsteinbau wirkt trutzig, überzeugt aber durch das geschickte Spiel verschiedener Geometrien. Die fünf Treppenräume sind zum Platz hin großzügig verglast, zur Straße brechen sie in ihrer geschwungenen Form die Geradlinigkeit des Riegels auf. Im ursprünglichen Entwurf waren weiße Putzfassaden statt der lokal typischen Klinker vorgesehen, was dem gesamten Ensemble im Zusammenspiel mit den heiteren Saalbauten eine noch stärkere Leichtigkeit verliehen hätte. Deren Spannbetondächer sind elegant geschwungen, abgehängt von schlanken Stahlbetonpylonen. Die kleinste Halle ist unmittelbar vor dem Rathaus positioniert und beherbergt den Ratssaal. Umlaufend verglast, kann man vom Platz aus direkt in das tiefergelegte Plenum blicken – ein klares Bekenntnis zu einer neuen Politik der Offenheit und Transparenz. Ein Motiv, das zuvor schon Jože Plečnik für seine Parlaments-Vision in Ljubljana und später Norman Foster für den Berliner Reichstag nutzten. Ihm gegenüber stehen zwei weitere Gebäude mit markantem Hängedach, die Stadt- und Kongresshalle mit Sitz des Westfälischen Landestheaters und die multifunktionale Europahalle (ehemals als Sporthalle geplant). Auch sie formen zur rückseitigen Straße hin einen zusammenhängenden Riegel. Was zu beiden dem Platz abgewandten Seiten als klare Kante und Übergang zur zukünftigen Stadt gedacht war, trat allerdings nie ein. Die Stadt wuchs gar nicht erst an das Forum heran. Aber gerade in diesen gebrochenen Stadträumen lassen sich die Besonderheit und der Reiz des Reviers besonders gut ablesen. Die Ruhrpott-Piazza selbst ist beinahe in allen Details so erhalten, wie damals geplant inklusive Pflanzungen, Plattenbelag und Pergolen. Jacobsen und Weitling hatten zudem blaue Möbel entworfen, die bis vor kurzem noch locker auf dem beinahe maritim wirkenden Platz verteilt standen. Leider musste das mittlerweile rostige Rohrwerk eingesammelt werden. Bleibt zu hoffen, dass die Bestuhlung nach erfolgter Aufarbeitung zurück auf die Piazza findet, ebenso wie die vor einigen Jahren stillgelegten Bassins. Das Wasser fehlt besonders schmerzlich in den ehemaligen Becken um den Ratssaal herum. Immerhin bestand die zuständige Denkmalpflege darauf, deren vormalige Position mit einer unterschiedlichen Pflasterung kenntlich zu machen.

 

Text & Bildquelle:
Von Hendrik Bohle Architekt, Autor
und Stadtforscher,
veröffentlicht am .