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Nicholas Jaar im Interview / Ritournelle

By August 3, 2017 No Comments

Sounds mit Geschichte

Ritournell 19.August.2017
Jahrhunderthalle Bochum

 

NICOLAS JAAR, SOHN

MYKKI BLANCO, EFDEMIN
ACTRESS, DEMDIKE STARE

 

Der chilenische Superstar Nicolas Jaar ist Headliner bei Ritournelle, dem Festival im Festival für avancierte Pop-Musik. Mit seinem aktuellen Album „Sirens“ hat er ein neues Level seines künstlerischen Schaffens erreicht. Heiko Hoffmann, Chefredakteur von „Groove“, hat ihn zum Gespräch getroffen.

 

 

Von Ihrem Debütalbum „Space Is Only Noise“ bis zum Erscheinen des Nachfolgers „Sirens“ im letzten Herbst sind mehr als fünf Jahre vergangen. In der Zeit haben Sie Ihr Studium abgeschlossen und an vielen verschiedenen Projekten gearbeitet. Wie haben Sie sich in dieser Zeit verändert?
Als „Space Is Only Noise“ herauskam, war ich 21 Jahre alt und hatte ein ziemlich großes Ego. Heute fühle ich mich hingegen überhaupt nicht selbstbewusst. Ich befinde ich mich in einer Phase meines Lebens, in der ich alles so stark hinterfrage wie noch nie zuvor.

 

Inwiefern wirkt sich das auf Ihre Musik aus?
Bislang hatte ich immer nur an Sound in meiner Musik gedacht. Ich achte auch bei Musik von anderen Leuten nicht auf die Texte. Für „Sirens“ wollte ich auch mit Worten arbeiten und mit Storytelling – allerdings nicht wie ein klassischer Singer/Songwriter. Ich wollte schauen, ob ich in der Lage bin, mit meiner Musik eine Geschichte zu erzählen. Das war ein großes Experiment für mich.

 

Sie haben sich also gefragt, wie man Inhalte vermitteln kann mit Musik, die aber nach wie vor überwiegend instrumental ist.
Genau. Ich wollte mit Geschichten arbeiten, mit Doppeldeutigkeiten. Ich habe nicht unbedingt das Gefühl, dass mir das gelungen ist, aber selbst wenn es sich als ein Fehler herausstellen sollte, habe ich doch viel daraus gelernt. Für mich war es ungleich schwerer, mit Worten als nur mit Sounds zu arbeiten. Es fällt mir viel leichter, Musik zu machen, als Dinge zu sagen. Die Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe, ist, inwieweit instrumentale, elektronische Musik politisch sein kann? Natürlich kann sie das, aber ich hatte das Gefühl, dass reiner Sound manchmal einfach nicht genug ist, nicht, wenn scheinbar jeden Tag eine neue Gräueltat auf der Welt passiert. Ich wollte schauen, ob ich mich auch anders ausdrücken kann als nur über Klang. Ich wollte es zumindest versuchen.

 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ich will es versuchen. Ich fang mal mit einem Detail an: Letztes Jahr saß ich mit Familie und FreundInnen in Chile beim Abendessen zusammen. Auf einmal sagte meine Tante zu meiner Mutter: „Ständig erfindest du Geschichte.“ Sie sagte „Geschichte“ und nicht „Geschichten“. Und da wurde mir nochmal klar, wie stark eigentlich Geschichte immer bis zu einem gewissen Grad konstruiert ist. Dieser Gedanke hat mich so stark beschäftigt, dass ich mich genauer mit der Herkunft von Wörtern und der Konstruktion von Ereignissen beschäftigt habe. Ich habe die Welt um mich herum mit anderen Augen gesehen. Deshalb war mir wichtig, dass der erste Sound, den man auf dem Album hört, doppeldeutig ist: Entweder kann man ihn für eine Fahne halten, die im Wind weht, oder für ein Boot, dessen Segel sich bewegt. Im ersten Fall steht der Titel „Sirens“ für Alarmsirenen, im zweiten Fall für die mythologische Bedeutung von Sirenen. Als nächstes hört man Glas, das zerbricht. Ist es eine Fensterscheibe, die zersplittert, oder ist es ein Schiffswrack? Um diese verschiedenen Bedeutungsebenen geht es mir auf dem ganzen Album. Die Platte endet mit den Worten „Oh but don’t you decide it“. Du entscheidest immer selbst, wie du Geschichte siehst.

 

Wie hat sich Ihre Art, Musik zu machen, verändert?
Mich interessieren Sounds zurzeit zum Beispiel nur noch, wenn sie einen Prozess durchlaufen haben, wenn sie eine Erfahrung gemacht haben, also wenn Sound eine Geschichte hat. Wenn ich etwa einen Drumsound benutze, möchte ich, dass man ihm die Schmerzen oder die Veränderungen oder die Selbstzweifel anhört, die man durchgemacht hat. Das klingt jetzt vielleicht eine Spur zu abgehoben, aber mir ist wichtig, dass die Sounds, die ich verwende, einen Prozess durchlaufen haben. Stell dir zum Beispiel einen Dubtrack vor, der ohne Effekte auskommt. Das wäre unmöglich!

Als Sie angefangen haben, Musik zu machen, haben Sie Geschichte in Form von Samples in Ihre Stücke geholt. Sie haben zum Beispiel Ray Charles, Nina Simone oder die Searchers gesampelt. Warum verzichten Sie mittlerweile auf Sampling?
Manchmal wünschte ich, ich würde noch sampeln. Es ist so viel schwieriger, die Sounds selbst zu bearbeiten. (lacht)

 

Aber Sie wollen nicht mehr?
Ich kann das nicht mehr. Es gibt bestimmte Sachen, die man nur macht, wenn man jung ist. Du hast dann einfach eine gewisse Unschuld und Naivität, die dich Dinge machen lässt, die dann vielleicht auch eine besondere Energie haben. Das ist auch traurig, aber ich würde es heute einfach nicht mehr wagen, diese KünstlerInnen zu sampeln. Nina Simone zum Beispiel ist für mich eine der wichtigsten Musikerinnen überhaupt. Und mir fällt es schwer zu glauben, dass ich jemals so dumm war, ihre Stimme zu sampeln. Ich war jung und unreif. Ich habe das Gefühl, dass man mit dem Älterwerden die Fähigkeit verliert, einfache Dinge zu tun. Meine Musik zumindest wird immer komplexer. Auf „Sirens“ gibt es nur ein einziges Sample – von einem Harfen-Lied aus den Anden, das „Lagrimas“ (dt.: Tränen) heißt. Und das verwende ich eher wegen seiner historischen Bedeutung.

 

r Ihre aktuellen Konzerte haben Sie sich auch Ihre alten Stücke angehört. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Ihre alten Stücke heute anhören?
Mir fällt vor allem auf, mit wie wenig Elementen ich mich zufrieden gegeben habe, als ich jünger war: eine Akkordfolge, eine Stimme, zwei Drumsounds und eine kurze Bridge – das war‘s! Ich wünschte, ich würde mich damit jetzt auch noch zufrieden geben, aber mir klingt das zu einfach. Ich bin heute viel maximalistischer, und ich weiß nicht, ob das Segen oder Fluch ist.

 

Entdecken Sie noch viel neue Musik?
Ja, jede Menge und sowohl neue als auch alte Musik. Während ich „Sirens“ aufnahm, habe ich ein Jahr lang den Internetzugang bei mir zu Hause abgestellt, damit ich mich besser auf meine Musik konzentrieren konnte. Als ich danach wieder Internet hatte, war es fast so wie eine Neuentdeckung. Ich habe dann wahnsinnig viel Musik entdeckt – zum Beispiel traurige, alte Gospel-Songs oder Cumbia-Stücke. Die Entdeckung, die mich am meisten berührt hat, sind aber wohl alte Kassettenaufnahmen von Alice Coltrane. Sie wurden von dem Label Luaka Bop gerade unter dem Titel „The Ecstatic Music Of Alice Coltrane Turiyasangitananda“ wiederveröffentlicht. Als ich diese Aufnahmen hörte, musste ich das erste Mal seit langem vor Rührung weinen.

 

Am 19. August ist Nicolas Jaar live in der Jahrhunderthalle Bochum zu erleben. Weitere Infos zum Line-up von Ritournelle, Festivalnacht der elektronischen Musik, gibt es hier.

 

Quelle und Bildnachweise:
https://www.ruhrtriennale.de/de/blog/2017-07/sounds-mit-geschichte