Achtung!
Das könnte Kunst sein

Wer sich auf seinem Abendspaziergang über die Kettwiger Straße dazu entscheidet, die Haupteinkaufsstraße zu verlassen und sich vom Bahnhof aus gesehen links hält, der könnte den Eindruck gewinnen, sich plötzlich in einer Parallelwelt zu befinden – und zwar keiner besonders hübschen.

Im Vergleich zur breiten Einkaufsstraße mit den Neonreklamen und hell erleuchteten Schaufenstern wirken die kleinen Sträßchen eher düster und wenig einladend. Die momentan zahlreichen Baustellen und halb abgerissenen Gebäude tragen da nicht unbedingt zum Wohlfühlfaktor bei. Das heißt natürlich nicht, dass man unmittelbar in Panik verfallen muss. Es gibt die Mupse, das Astra und kleine Lädchen dort. Man ist also nicht allein und verlassen, aber die gammeligen Hausfassaden, die relativ engen Gassen und die funzelige Beleuchtung vermitteln eher den Eindruck eines ranzigen Hinterhofs und sorgen nicht zwangsläufig dafür, dass man spontan auf die Idee käme, sich genau dort eine schnuckelige Eigentumswohnung zu kaufen. Am unteren Ende des Schwarzen Meers fallen dem furchtlosen Wanderer vielleicht einige funkelnde Neonlichter auf, die an diesem Ort als Werbemittel aufgrund mangelnder zu bewerbender Dinge nur bedingt sinnvoll erscheinen…

Architekt und Lichtkünstler Peter Brdenk Fotos: Frank Vinken | dwb

Herzlichen Glückwunsch!
Du hast soeben ein Kunstwerk entdeckt.

Die Lichtinstallation mit dem Namen „MeerLicht“ wurde 2002 als Beitrag zum Essener Stadtjubiläum vom Architekten und Lichtkünstler Peter Brdenk und seinem künstlerischen Partner Jürgen LIT Fischer entworfen. Als Lichtkoordinator der Stadt Essen und Experte auf dem Gebiet der Lichtkunst hat sich Peter Brdenk dazu entschieden, auf das Zusammenspiel von Werk und Umgebung mit einem kleinen Wortspiel zu reagieren. So verweist MeerLicht gleichzeitig auf den merkwürdigen Namen des Standorts, erinnert an die vermeintlich letzten Worte Goethes und wirkt wie eine Forderung oder Kampfansage an die vorherrschende Düsternis des Ortes. Glücklicherweise hat die innogy Stiftung im letzten Jahr für eine Restaurierung der etwas in Vergessenheit geratenen Installation gesorgt. Und so kann das Werk seit Herbst 2016 wieder seiner ursprünglichen Bestimmung nachkommen: ein kleines bisschen Licht an einen ansonsten ziemlich dunklen Ort zu bringen.

In einer Region, die immer noch am Strukturwandel zu knabbern hat und mit Arbeitslosigkeit und leeren Stadtkassen kämpft, ist es nicht immer ganz einfach, den Bewohnern die Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum zu vermitteln. Wer kann es der alleinerziehenden Mutter verdenken, dass sich in ihr Zweifel bezüglich der Notwendigkeit einer kostspieligen Großskulptur regen, während sie nach dem letzten Besuch des abgerockten Spielplatzes um die Ecke Splitter aus dem Allerwertesten ihres Kleinkindes entfernt? Kulturelle Initiativen, wie der Zusammenschluss der Ruhrkunstmuseen und –bühnen, international bekannte Kunstfestivals wie die Ruhrtriennale oder die Emscherkunst und Publikationen zum Thema Public Art im Ruhrgebiet, haben in den letzten Jahren einiges zur Kommunikation der Wichtigkeit von öffentlicher Kunst beigetragen – auch und gerade dann, wenn nicht alles rosig ist. Aber während Werke, die im Rahmen solcher Großevents mit großem Tamtam vorgestellt werden, leicht die Aufmerksamkeit von Bevölkerung und Besuchern erregen können, scheinen andere manchmal einfach übersehen zu werden. Dabei haben innerhalb der immens hohen Dichte an Skulpturen, Licht- und Klanginstallationen und Straßenkunst im Ruhrgebiet gerade auch die kleiner dimensionierten, weniger aggressiv ins Auge drängenden Objekte das Potential, als Memoriam zu fungieren, Aufmerksamkeit zu wecken, Kritik zu äußern, ästhetische Erfahrungen zu provozieren oder einfach nur als kurze Ablenkung vom Alltag zu dienen. Dankenswerterweise sind in den letzten Jahren auch einige Online-Pattformen geschaffen worden, auf denen man sich über die Kulturlandschaft Ruhrgebiet informieren kann, aber auch demjenigen, der sich womöglich weniger für bildende Künste interessiert, möchten wir an’s Herz legen, sich gelegentlich umzuschauen, den eigenen Augen und dem eigenen ästhetischen Urteil zu vertrauen.

Denn ja, das seltsam deplatzierte Objekt, über das du vielleicht gerade gestolpert bist, könnte sich aus einem bestimmten Grund dort befinden…