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Ideengewitter bei #NextLevelRuhr – der Hackathon für alle der RAG-Stiftung 

By November 28, 2017 No Comments

24 Stunden, eine Aufgabe, 14 Teams.

Circa 30 Stunden beherbergte das LVR-Industriemuseum in der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen den von der RAG-Stiftung initiierten Hackathon #NextLevelRuhr. Mit Schließung der letzten Wirkungsstätten der Montanindustrie im Ruhrgebiet geht die große Malocher-Ära zu Ende. Malocht wird ab 2019 nicht mehr unter Tage, und die Hände beenden ihre Schicht dann nicht mehr mit einer abzuwaschenden Hautschicht aus Kohlestaub, Schweiß und Dreck. Daran erinnern werden nur noch Erzählungen und Bilder.

 

Stattdessen rauchen die Köpfe, denn Next Level bedeutet, dass neue Ideen erdacht und umgesetzt werden müssen, damit der sich vollziehende Strukturwandel auch außerhalb des Ruhrgebiets spürbar und erkennbar wird. Die kreativen Köpfe aus dem Pott sollen mit gutem Gewissen und Zukunftsperspektiven den Verlockungen weltmännischer Städte wie Hamburg, München oder Berlin widerstehen können. Und gleichzeitig zielt man auf ein strukturelles Klima, das neue Geister in unseren Pott zieht und auch halten kann.

 

Es waren 85 Teilnehmer angereist, die sich zu 14 Teams zusammengefunden haben, um von Samstag auf Sonntag Ideen zu entwickeln, wie man das Ruhrgebiet für junge Menschen sexy machen könnte. In den letzten Stunden des Hackathons stellten die Teams ihre Ideen der Jury vor. Durch den Hackathon und die Präsentation führte und moderierte der Fernseh-Host Amiaz Habtu. Jede Gruppe hatte für ihre Präsentation fünf Minuten Zeit. Ich habe die Ideen aller Teams in einigen wenigen Zeilen zusammengefasst und möchte die Gewinnerteams am Ende vorstellen.

Teilnehmer

 

Team 1 aka #WoistmeineHose

… programmierten ein Erlebnisportal unter dem Arbeitstitel Pottivity. Die Idee ist, dass sowohl Privatpersonen als auch etablierte Institutionen, Führungen und andere Unternehmungen sowie Geheimtipps im Ruhrgebiet anbieten können. Dabei kann man seine Suche eingrenzen durch Angabe des vorhandenen Budgets, der teilnehmenden Personenzahl, der Wetterbedingungen und ob es geführte Touren oder allgemeine Aktivitäten sein sollen. Über ein Bewertungssystem trennt sich dann bei den angebotenen Aktivitäten die Spreu vom Weizen. Durch Pottivity können endlich Privatpersonen ihre persönlichen Ruhrgebiets-Geschichten und Touren über den Familien-  und Freundeskreis hinaus anbieten und noch einen kleinen Obolus daran verdienen.

 

Team 3 aka Little Pony Unicorn

…. hatte die Idee für eine Plattform, die dem Leerstand in unseren Städten entgegenwirkend Räume an Künstler und Kreative vermittelt. Zentraler Dreh- und Angelpunkt sind Datenbanken in denen Leerstand und Aktivisten mit dem Bedarf an Räumlichkeiten erfasst sind, um sie miteinander abzugleichen und in Kontakt zu bringen.

 

Team 4 aka 39a

… hieß so wie die Startrampe der Apollo-Raketen. Das Team hatte die Vision eines Megakomplexes, der als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Schulbildung funktionieren soll. Die Umsetzung soll in großen, aktuell leerstehenden Industriehallen erfolgen. Neben einer High-Tech-Werkstatt und einem Campus für Innovation und Bildung, soll auch ein neues Schulkonzept umgesetzt werden, das nicht nach den gängigen Mustern funktioniert und im Zusammenhang mit dem Gesamtkonzept mehr Praxiserfahrung bieten soll.

 

Team 5 aka #schwarzzubunt

… präsentierte mit Vision 2025 ein Entwicklungskonzept, um das Ruhrgebiet zu einer Start-up-Hochburg zu machen. Das Fundament bildet zum einen subventionierter Gewerbestrom, wodurch z. B. stromintensives Bitcoin-Mining günstiger wird, und zum anderen der sogenannte “Fiskalpakt Ruhr”, ein durch alle Städte gemeinsam verwalteter Finanztopf. Neben strukturellen Voraussetzungen wie Breitband-Internet für umsonst, sind im sozialen und ökologischen Bereich flächendeckendes Urban-Gardening, Mehrgenerations(spiel)plätze und der weitere Ausbau von Naherholungsgebieten angedacht.

 

Team 6 aka Trockeneis vs. Spüli

… entwickelten eine Art Business-Stipendiat, das Start-ups in den ersten fünf Jahren finanziell und mit subventionierten Arbeitsräumen zur Seite steht und sie gleichzeitig verpflichtet, dem Ruhrgebiet als Standort 10 Jahre treu zu bleiben. Die bezuschussten Unternehmen geben einen Teil ihres Gewinnes zurück an das Netzwerk, um wieder neue Unternehmungen zu finanzieren.

 

Team7 aka DieTaffenGiraffen

… erdachte mit Honigpott ein Integrationsprojekt, das milieuübergreifend Menschen über Bee-Gardening zusammenbringt, um so zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen wirkt man dem Bienensterben entgegen und gleichzeitig stärkt man das Sozialgefüge, in dem man Gruppen zusammenbringt, die aufgrund ihrer Milieus sonst nicht aufeinander treffen würden.

 

Team 8 aka Generation#

… will dem schwindenden, aber noch vorhandenen Einzelhandel durch ein Smart-Shopping-Konzept helfen. Die Idee ist, dass alle Einzelhändler im Ruhrgebiet die Verfügbarkeit ihrer Waren auf einer Internetseite darstellen, so dass Kunden wissen, welche Waren in einem einstellbaren Umkreis sofort verfügbar sind. Die Händler könnten so Kunden aus benachbarten Städten ziehen und Kunden wüssten sofort, wo die Wunschlampe im Umkreis zu finden ist.

 

Team 9 aka #Hueppelshock

… will mit der App „Ruhrport.Jetzt“ das Informationschaos bündeln. Egal ob Informationen zu Dienstleistungen, Kartenkauf für Kulturveranstaltungen oder Informationen und Terminanmeldungen bei Behörden: über die App soll man alles finden können, was sonst auf Städteseiten gut versteckt ist.

 

Team 10 aka POTTenzial

… konzentrierte sich mit einem Zukunftskonzept auf die Regionalentwicklung im nördlichen Ruhrgebiet. In dem Konzept wird ein Mix angestrebt aus wirtschaftlicher Konzentration auf die Entwicklung von Brennstoffzellen, den Ausbau von Naherholungsgebieten sowie dem Aufbau neuer Infrastruktur, wie der Errichtung einer Hochbahn.

 

Team 12 aka RUHRConnect

… hat an einem flexiblen und offenen Modell eines Stadtquartiers mit Verkehrskonzept gearbeitet,  welches sich über die Möglichkeiten des Co-Working, Co-Living und Co-Learning definiert. Gemeinsame Wohn-, Arbeits- und Lernräume stellen das gemeinschaftliche Agieren in den Vordergrund. Gedacht ist das Ganze als Vollkonzept, das über Architektur, stadtplanerische Maßnahmen und Infrastruktur Anreize für Migration und Zuzug schaffen will.

Gewinner

 

Team 2 aka Team Pottential  *** Gewinner eines dritten Platzes, dotiert mit 1000€ ***

….. kreierte Paula POTTbot, einen Chat- und Suchbot, der über den Facebook-Messenger funktioniert und alles ausspuckt, was man zum Leben im Ruhrgebiet erfahren will oder wissen sollte. Von Informationen und Ticketbuchungen im ÖPNV, über die leckersten Currywurst-Bratbuden, bis hin zur Terminvergabe bei Ämtern und Behörden soll wirklich nahezu alles über Paula machbar werden. Ein sehr gutes Werkzeug für alle die den Facebook-Messenger nutzen. Die Jury lobte die Umsetzung, unter anderem weil sie eine Vielzahl von Usern über ein viel genutztes Medium, den Facebook Messenger, abholt. Wie zukunftsweisend die Entwicklung mit der Nutzung in Facebook ist, wird sich noch zeigen, denn viele Heranwachsende nutzen aktuellere Social Media Netzwerke wie Instagram oder Snapchat und melden sich gar nicht erst bei Facebook an.

 

Team 11 aka „ … aus Gründen“ *** Gewinner eines dritten Platzes, dotiert mit 1000€ ***

… setzten bei der Etablierung einer neuen Gründerkultur früher als alle anderen Teams an, nämlich bei Schülern, die noch Hilfestellung bei der Berufswahl gebrauchen könnten. Das Team entwickelte eine Projektwoche für Schulen, in der Praxispartner aus der Wirtschaft Schüler anleiten und mit der Arbeit an Konzepten und konkreten Lösungen beauftragen. Coaching und Besuche in den Firmen sollen Schüler auf die Möglichkeit einstimmen, selbst Unternehmer zu werden. Anders als bei Praktika, wo die Schüler meistens in schon vorhandene Strukturen und Arbeiten eingebunden werden, ist dieses Format freier und erlaubt den Unternehmen und den Schülern eine freie und selbstständige Arbeitsweise. Die Kosten dafür würden von den Unternehmen getragen, die im Gegenzug frische Impulse erhalten, und für das Image ist es auch nicht schlecht. Die Schüler fördert man auf diese Weise, indem sie ihr eigenes Potenzial entdecken können. Eine Maßnahme wie diese lässt sich im ersten Schritt auch schnell als Testballon mit einer Schule und einigen wenigen Unternehmen umsetzen, bevor man im nächsten Schritt mehr Schulen und Partner aus der Wirtschaft einbindet.

 

Team 13 aka Projektbüro Vatter & Söhne *** Gewinner des zweiten Platzes, dotiert mit 2500€ ***

… stellte mit dem Kumpelmat meine Lieblingsidee vor. In der Konzeptzeichnung sieht der Kumpelmat aus wie eine Mischung aus einem freundlichen Roboter und einem einarmigen Bandit. An einem zentralen Ort im Viertel aufgestellt, kann man jederzeit 1, 2 oder 5 Euro-Cent in den Apparat schmeißen und den Hebel betätigen. Das Gerät gibt dann einen kleinen Zettel aus, auf dem z. B. ein FunFact zur Stadt oder zum Stadtteil steht, Veranstaltungstipps angekündigt werden oder Gutscheine für lokale Händler abgedruckt sind. Die Gutscheine, Infos und Neuigkeiten werden von den Bewohnern oder Händlern des Stadtteils und Quartiers selbst eingespeist. Was die Maschine letztendlich ausdruckt, ist immer Zufall. Moderator Amiaz Habtu stellte im Vorfeld der Präsentation die entscheidende Frage, ob man dieses Prinzip denn nicht auch digital über QR Codes und Handys lösen konnte. Das nahm die Truppe zum Anlass in ihrer Präsentation explizit darauf hinzuweisen, dass man eben ganz gezielt ein analoges Medium wollte, dass die Menschen aufsuchen müssen, um mit ihm zu interagieren.

 

Team14 aka AI RUHR *** Gewinner des ersten Platzes, dotiert mit 5000€ ***

… konnte mit der Wohnungssuchmaschine AI Ruhr die Mitglieder der Jury überzeugen. AI Ruhr steht dabei für Attraktivitätsindex Ruhr. Die Suchmaschine verrät bei der Wohnungssuche welche Bereiche der Stadt entsprechend der Suchkriterien für die Wohnungswahl in Frage kommen. Einstellbar sind Faktoren wie Fahrweg zum Arbeitsplatz, Nähe zum ÖPNV, zu Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten, Naherholung, etc. Entsprechend der gewählten Wunschfaktoren werden die in Frage kommenden Bereiche eingegrenzt und hervorgehoben. Eine zukünftige Einbindung von Wohnungsannoncen der gängigen Immobilienportale würde dann auch gleichzeitig anzeigen, was der Wohnungsmarkt in den gewünschten Gegenden noch anzubieten hat. Seinen Anfang nahm diese Idee während einer von vier Climathon Veranstaltungen in Deutschland von Climate-KIC, der dieses Jahr erstmalig in Essen in den Räumen des Impact Hub stattgefunden hat. Aus der vorher nur im Konzept vorhandenen Idee konnten die Mitglieder des aktuell angetretenen Teams von AI Ruhr eine visualisierte Form der Anwendung zeigen, deren Mehrwert bei finaler Umsetzung jedem sofort ersichtlich gewesen sein dürfte. Die Suchmaschine hilft nicht nur Menschen, die auf Wohnungssuche sind, sondern auch Stadtplanern, die ihre Städte und Infrastruktur verbessern wollen.

 

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Fazit

Die Jury bewies bei der Wahl der Gewinner-Projekte des #NextLevelRuhr Hackathons ein geschicktes Händchen. Sie hat meines Erachtens die Projekte gewählt, deren Umsetzbarkeit in relativ kurzer Zeit gewährleistet werden kann und die bei Umsetzung einen merklichen Effekt haben dürften; unabhängig davon, ob es nun ein angetrunkenes Schmunzeln hervorruft, wenn der Kumpelmat nach dem Clubbesuch einen Gratis-Kaffee beim Bäcker in der Nähe verspricht oder AI Ruhr den zukünftigen Wohnort mit Nähe zum Kindergarten und guter Anbindung zum Job schneller ausmachen kann. Dass durch die Jury gleich zwei dritte Preise vergeben werden konnten, zeugt von Flexibilität, die es grundsätzlich braucht, um Dinge im Pott zu verändern. Der RAG-Stiftung dürfte das nicht wehtun. Ebenso wenig wie das i-Tüpfelchen, als am Ende des Hackathons allen Teilnehmern mitgeteilt wurde, dass sie eine kleine Finanzspritze erhalten würden, um die eigenen Fahrtkosten wettzumachen. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass Teilnehmer aus Kassel den Weg auf sich genommen haben, um zu partizipieren. Und Partizipation ist genau das, was unsere Region braucht. Die Jungen mit den Ideen müssen bei den Alten, die im wahrsten Sinne des Wortes Kohle mit der Kohle gemacht haben, Gehör finden und sich aber auch hörbar machen. Und die Alten müssen ihre Kohle, ihr Netzwerk und ihr angesammeltes Know-how in den Ring werfen und den Jungen helfen, ihre Ideen auf eigene Beine zu stellen. Und so werden alle eingereichten Ideen von der Initiative „Glückauf Zukunft!“ noch einmal überprüft, um zu schauen, an welchen Stellen man unbedingt weiterarbeiten will. #NextLevelRuhr der RAG-Stiftung ist ein Musterbeispiel dafür, wie unser Strukturwandel im Ruhrpott weitergedacht werden darf. Ein Lob dafür an alle beteiligten Kräfte. Ich hoffe, dass jede der oben angeführten Ideen irgendwann so oder so ähnlich eine Umsetzung erfährt.

Fotos:
Lina Nikelowski

Quelle:
https://www.glueckauf-zukunft.de/projekte/hackathon-nextlevelruhr-2017/