Stadtleben

„Ruhrschnellweg“

By Oktober 4, 2017 No Comments

„Geschichten aus dem EDV Unterricht“

Gastbeitrag von Torben Kassler

Der Titel des heutigen Auszuges aus der Kolumne „Geschichten aus dem EDV Unterricht“ lautet:

„Es rauscht so klar, so meeresgleich, das muss sein die schön B1 – eine kritische Auseinandersetzung mit dem zutiefst kontroversen Thema Ruhrschnellweg“.

Und wie ihr dem Titel sicherlich schon entnehmen konntet, beschäftigen sich die folgenden Absätze mit der Obsoleszenz von Urlaub am Meer, wenn man doch solch Naturschauspiel, wie es der Feierabendverkehr auf der, zumindest hier in Dortmund, allseits beliebten B1 darstellt, beiwohnen kann.

Das Rauschen der Autos, das Donnern der Lastkraftwagen und das Kreischen von vorbeiziehenden Jakobshörnern, erinnert – nicht nur das geschulte Ohr – an die milden Klänge von Meer, Wellen und Möwen. Also an alles, was man sich von einem schönen Besuch des urig ästhetischen Nordseestrandes und der umliegenden Dörflein erhofft.

Man muss sich, auch hier, nur einige Meter von der urbanen „Küste“ des Ruhrschnellweges entfernen, um dem ruralen Leben beizuwohnen und Getier und Grünflächen, so beobachten zu können, als befände man sich auf einer Safari. Es reichen einige Schritte aus, um vom blühenden Leben, den Anwaltskanzleien oder dem Gourmetrestaurant „McDonalds“, auf den Grünstreifen, der den Bereich zwischen den Gleisen der Linie U47 verschönert, zu gelangen und dort Lebewesen und Lebensweisen zu betrachten, die man sonst nur in kleinen, idyllischen Dörfern an der Ost- und Nordseeküste zu sehen bekommt.

So lassen die Wesensarten des durchschnittlichen Fastfoodkettenbesuchers oder die, quasi schon bovinen, Charakterzüge der, der Einpferchung entfliehenden, U-Bahn-Aussteigermassen, wenig andere Vergleiche zu, als den allzu Naheliegenden; als den mit einer Herde Zuchtvieh, die von ihrem (inneren) Agrarwirt auf die nahrhaften Weiden des norddeutschen Flachlandes getrieben werden, die, früher oder später, indirekt, für ihr vorzeitiges Ableben, in Erfüllung der Erwartungen des gesellschaftlichen Verwertungsapparates, verantwortlich sind; und so erfüllen die Bürogebäude auf dem Westfalendamm, im Hinblick auf die arbeitenden und bahnfahrenden Massen, eine sehr ähnliche Funktion.

Sollte euch also das Fernweh und die Lust nach Meer packen und ihr seid schon drauf und dran, die Strandklamotten zusammenzulegen und euch auf dem Weg Richtung Norden zu machen, haltet inne und besinnet euch auf die lokalen Möglichkeiten der Entspannung.

Im Falle, dass euch, im Speziellen, die Aussicht auf Wasser, die das Meer einem angeblich bietet, lockt, empfehle ich den Besuch eines der vielen Discountläden, die sich auf den Vertrieb von Ramsch, Krams und Gedöns spezialisiert haben, und somit eine Hülle und Fülle an Planschaufbauten in ihrem Sortiment führen, die diesen Wunsch eurerseits ebenso bedienen, aber dennoch, sich unserer Umwelt und dem Klima gegenüber, wesentlich unschädlicher verhalten, als die Anfahrt und der Verbleib am Meer. Da die Produktion eines Planschbeckens und dessen Befüllung, weniger Schadstoffe freisetzen und weniger Wasser verbrauchen würde, als eine weite Reise und die damit verbundenen Aufwendungen an Sprit, Wasser und Essen, ist die Einrichtung einer persönlichen Kleinstschwimmanlage nicht nur naheliegend, sondern sogar, aus moralischen sowie rationalen Gründen zu empfehlen. Ganz zu schweigen von der Zeit, die ihr spart, wenn ihr, anstatt 5 Stunden im Auto, nur 5 Minuten in der Linie U47 sitzen müsst.

Also denkt bei der nächsten Gelegenheit, bei der uns der der deutsche Sommer wieder einmal vorzüglichstes Strand- und Badewetter bietet, besser zweimal nach bevor ihr euch und eurer Umwelt den Stress und die Schäden zumutet die eine solche Urlaubsreise innehat und schnappt euch lieber Badesachen, Planschbecken und Liegestuhl und lernt zwischen U-Bahn und Hauptverkehrsader die Schönheit eines grünen, vor Leben nur so strotzenden, Farbkleckses inmitten des grauen Alltags zu sehen, schätzen und sogar zu lieben.

Da ich nach meiner letzten schriftstellerischen Darbietung, die sich in einer EDV Stunde ereignete, darum gebeten wurde, dass ich doch nach Erläuterung der Ausgangssituation, (letztes Mal filternde Feldherren, dieses Mal die maritime Schönheit der Bundesstraße 1) noch ein kleines lyrisch/poetisches Erzeugnis anfügen sollte, werde ich das heutige Essay mit dem kleinen aber feinen Poem beenden, das den Titel trägt:

„Die Radkappe sie rauschet“

Die Muschel spielt des Meeres Lied,

nachdem sie aus dem Leben schied.

Halt sie ans Ohr und lausch gespannt,

Und werd vom Wellenklang gebannt.

Muscheln gibt’s hier leider nicht,

Zement und Autos, widerlich.

Doch hört man hin und passt gut auf

Nimmt hier ein Wunder seinen Lauf.

Die Radkappe vom neuen Benz,

klingt nach B1 für ihre Fans,

Der Auspuff von nem alten Hummer,

schallt wie die Ausfahrt hinter Unna.

Da fragt man sich, wofür ans Meer?

Wer will dahin, wer kommt daher?

B1 so schön, hier bleib ich liegen,

um Frust und Alltag zu besiegen.