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Eine der ersten, begehbaren Großskulpturen mitten im urbanen Raum

By Dezember 20, 2017 No Comments

Rendezvous mit Terminal

Adresse:
Kreuzung Wittener Str./Ostring
Kurt-Schumacher-Platz am Bochumer Hauptbahnhof
44787 Bochum

„Der hervorragende Platz der Plastik in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist jetzt schon unbestritten“ schrieb 1977 der legendäre Kunsthistoriker Max Imdahl.

Na, ahnen Sie schon was? Vermutlich sind Sie dann auf der richtigen Spur. Die führt nach Bochum.

Und ausgerechnet hier, wie überhaupt auch darüber hinaus, wurde in aller Öffentlichkeit und auf allen Kanälen vergessen, dass das weltweit geschätzte „Terminal“ von Richard Serra, Nähe Bochumer Hauptbahnhof, Kreuzung Wittener Straße/Ostring, in diesem Jahr 40 Jahre alt geworden ist.

Wenigstens das möchte ich jetzt nachreichen: Happy birthday, Terminal! Du hast die konkrete Kunst auf die Straße, ins Revier und zur Diskussion gebracht.

Ja, liebe Ruhris, das stimmt. Auch, wenn ihr jetzt meint: „Ja, aber in Bochum steht das ´schiefe Kartenhaus` erst seit 1979.“ Womit ihr zwar recht habt, aber geschmiedet wurde die über 12 Meter hohe, vierteilige Corten-Stahl-Skulptur zwei Jahre zuvor in der damals noch existierenden Hattinger Henrichshütte. Um dann in Kassel zur Documenta 6 auf grüner Wiese vor dem dortigen Fridericianum am 4. Mai 1977 Platz zu nehmen. Und um schließlich nach einigem Hin und Her, nach vorbildlich avantgardistischem Bochumer Kunstengagement und begleitet von heftigen Abwehrversuchen einer breiten Bochumer Öffentlichkeit endgültig am heutigen Standort zu landen.

Wo gerade eine der optisch rätselhaftesten Skulpturen im öffentlichen Raum, die das Terminal ist, weil es irre windschief, mit enormer Differenz von innerer und äußerer Erscheinung wirkt, im Zuge benachbarter Bahnhofsumbaumaßnahmen heftig prächtig drangsaliert wird. Statt Jubiläumsfeier Baustellenflair. Ungemütlich, hässlich, laut. Geburtstag möchte da keiner feiern.

Trotzdem. Ob ich`s mir einbilde? Das Terminal sieht traurig aus.

Dabei schien es seit seiner Restaurierung 2014 im Rahmen des revierweiten „Neuenthüllungen“-Projektes ganz glücklich zu sein. Richtig strahlend, rostrot im Sonnenschein, dunkel bei Regen, befreit von Schmierereien, auratisch dem Verkehrstrubel mit streitbarer Präsenz wider Dekor und Hochglanz trotzend. Selbst im Inneren, wo sein magisches Himmelsviereck Blicke auf sich zieht, roch es nach der Generalüberholung längst nicht mehr so unappetitlich wie einst.

Kein Zweifel: Das Terminal schien angekommen. In Bochum, im Revier akzeptiert. „Es steht doch für unsere Geschichte, hat viel mit Stahlproduktion und Montanindustrie zu tun.“ „Ja, das schon. Aber es hat auch mit dem Bergbau zu tun. Guck` Dir doch die Schacht-Architektur an“, sind zwei von vielen Positiveindrücken heute.

Und da lässt man Terminals 40zigsten einfach so sang- und klanglos verstreichen? Nein, ganz sicher: Das Terminal sieht traurig aus.

 

An diesem Nachmittag komme ich mit dem Terminal ins Gespräch. Und – ich schwör`s Ihnen, könnte es  seiner Beton-Verankerung entkommen, es würde sich mit seinen 4 x 24 Tonnen richtig richtig böse mitten auf die Kreuzung stellen: „Seht her, geht man so mit Kunst um? Auch Baustellen können achtsam agieren. Ich bin doch kein Schuttabladeplatz. Oder sagt doch gleich: Ist das Kunst? Oder kann das weg? Hab` ich schon oft gehört. Besonders damals, als „Hallo-Ü-Wagen“ im Juli 1980 mit der Öffentlichkeit diskutierte, ob ich ein öffentliches Pissoir sei? Oder ob ich die reinste Geldverschwendung darstelle? Und überhaupt: was ich überhaupt darstelle, – außer Schrott. Und wie man dem Bürger so einen „Schandfleck“ – gemeint war natürlich ich – vorsetzen könnte, wo es doch schöne Kunst, blankpolierte gäbe? Weshalb man mich beschmiert hat, mich anpinkelte, mit Farbbeuteln bewarf, ja, mich verkaufen, gar einschmelzen lassen wollte. Zum Glück, hat sich das inzwischen beruhigt. Heute kommen sogar Leute, die lassen sich nicht von meiner Wertsteigerung – immerhin von 300.000 Mark auf geschätzte 15 bis 18 Millionen Euro – beeindrucken, sondern finden mich einfach toll, weil ich so bin wie ich bin. Deshalb hatte ich begonnen, mich wohl zu fühlen: so eine Art Bochum-ich-komm-aus-Dir-Gefühl. Aber jetzt? Was soll ich davon halten, dass mein 40zigster nicht gefeiert wurde? Ich hatte mich drauf gefreut mal wieder im Rampenlicht zu stehen. Wo ich doch ein Wahrzeichen Bochums und des Reviers bin. Und dann noch dieses Baustellenchaos. Jetzt besucht mich überhaupt keiner mehr. Oder wenn, dann… ach, es ist unsäglich.“

Recht hat es. So geht das doch nicht.

Und dann hat mir das Terminal noch was geflüstert. Weil doch jetzt bald Weihnachten ist und viele Menschen, ja sogar Hunde rote Mützen tragen…