BochumTheater & Schauspiel

Anneliese Brost Musikforum Ruhr

By Juli 12, 2017 No Comments

Der steinige Weg
- Herzensdinge

Anneliese Brost Musikforum Ruhr
Marienplatz 1
44787 Bochum
+49 234 9108622

 

Man stelle sich ein Symphonieorchester von internationalem Renommee vor, das, weil heimatlos, dazu verdammt ist, immer wieder um neue Spielorte zu bitten. Klingt ja absolut lächerlich, ne? Für die Bochumer Symphoniker war dieser Umstand aber seit der Gründung im Jahr 1918 bis 2016 Teil des Alltagsprogramms.

Bereits seit den frühen 1960er Jahren stand die Überlegung im Raum, eine eigene Konzerthalle zu bauen, der Plan scheiterte jedoch (ach, wie so oft) immer wieder aufgrund mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten. Die armen Symphoniker oder BoSy indes waren dazu verdonnert, sich nach Gastspielmöglichkeiten in den Konzerthallen in Essen, Dortmund oder Köln umzutun oder in Spielorte in Bochum auszuweichen, die nicht eigentlich als Konzertsäle konzipiert waren. Sie spielten im Schauspielhaus, sie spielten im Audimax und seit 1990 bespielten sie die Jahrhunderthalle. Diese Notwendigkeit zur Flexibilität und schnellen Anpassung an die akustischen Besonderheiten und Herausforderungen jedes neuen Spielortes, der Kontakt zu anderen Orchestern auf ausgedehnten Konzertreisen in den USA, Israel oder Estland sowie Cross-Over Projekte in Form von Kooperationen mit Sting oder Jethro Tull mögen einerseits zur Entwicklung eines speziellen Sinns für Innovation, Modernität und Weltoffenheit beigetragen haben; andererseits scheint die Tatsache, dass ein Orchester, das zweimal mit der prestigeträchtigen Auszeichnung des Deutschen Musikverlegerverbandes für „Das beste Konzertprogramm“ (1996/97 und 2004/05) bedacht wurde noch nicht einmal ein eigenes „Zuhause“ besaß, einen Stachel im kulturellen Selbstbewusstsein der Bochumer dargestellt zu haben.

Mit der leidenschaftlichen Unterstützung des Amerikanischen Dirigenten Steven Sloane, der seit 1994 die Leitung der Bochumer Symphoniker innehat, und der Zusicherung einer sehr großzügigen Spende der Anneliese Brost-Stiftung wurden die Pläne für den Bau 2011 wieder aufgenommen. Dank der Zuwendungen von über 20000 privaten Spendern, der sich über 15 Jahre hinziehenden Arbeit zahlreicher nimmermüder Unterstützer und Benefizveranstaltungen, war es möglich, die Mittel für das Projekt zusammenzutragen. Durch die Integration einer Musikschule in das geplante Gebäude konnte zudem ein Landeszuschuss gewonnen werden. Die Ausschreibung für die architektonische Planung gewann schließlich das Planungsbüro „Bez + Kock“ aus Stuttgart, aber das ambitionierte Vorhaben, die entsakralisierte Marienkirche in das neue Gebäude einzubinden ließ schon bald kritische Stimmen laut werden. Mit anderen öffentlichen Bauvorhaben in Deutschland im Hinterkopf, erschienen die Bedenken bezüglich explodierender Kosten und ausufernder Dauerbaustellen durchaus verständlich zu sein. Zurückblickend sollten jedoch auch die schärfsten Kritiker eingestehen, dass ihre Unkenrufe Lügen gestraft wurden. Von der Grundsteinlegung 2013 bis zur großen Eröffnungsveranstaltung im Oktober 2016 vergingen die drei vorausgesagten Jahre und die kalkulierten Kosten wurden nur um 10% überschritten (wer schon einmal ein Eigenheim gebaut hat, weiß, dass das verhältnismäßig wenig ist).

Das Ergebnis des Bauvorhabens kann sich absolut sehen lassen. Der Haupteingang befindet sich im ehemaligen Chor, was einst das Schiff der Kirche war dient nun als wunderschönes Foyer und eine der früheren Kirchenglocken wurde zum Pausengong. Das Musikforum ist ein gelungenes Beispiel für die Umfunktionierung eines bestehenden Gebäudes, ohne die ursprüngliche Nutzung zu überdecken. Okay, man muss schon zugeben, dass die neuen Gebäudeelemente, die einen großen Konzertsaal mit 1026 Sitzplätzen, einen Kammerkonzertsaal für 250 Gäste und diverse Übungsräume beherbergen, sich noch etwas fremd in der Nachbarschaft anfühlen. Im Kontrast zu den grauen faden Fassaden der umgebenden Gebäude, fällt die rosige, organisch anmutende und fast fragil wirkende Fassade des Anneliese Brost Musikforums etwas aus dem Rahmen. Aber was wäre auch die Alternative? Schäbbig bauen, weil alles andere auch schäbbig ist? Wir denken, mit ein wenig visueller Flexibilität werden sich alle schnell an die neue Heimat der Symphoniker gewöhnen.