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5 FRAGEN AN … FLORIAN KOLOMINSKI VON RUHRGESTALTEN

By Januar 31, 2018 No Comments

1. Warum gibt es die „Ruhrgestalten“ und wofür stehen sie?

Ursprünglich wurde Ruhrgestalten von mir 2009 als Semesterarbeit unter dem Aufhänger einer kulturellen Dokumentation für Prof. HD Schrader an der FH Dortmund erdacht. Für mich war das perfekt, denn ich wollte unbedingt ein Magazin entwickeln, das sich mit dem Stadtraum und dessen Bewohnern auseinandersetzt. Nach der Konzeption und der Entwicklung des Titels habe ich mir drei Freunde geschnappt und ihnen meine Idee vorgestellt. Die hatten auch Lust drauf ein Fanzine zu realisieren und dann ging es quasi auch sofort los. Wir haben die ersten Ausgaben in Zusammenarbeit einer kleinen Hinterhofdruckerei in einer 1.000 Auflage selbst produziert und dann auch im Eigenvertrieb in den Städten Herne, Bochum, Dortmund und Essen in unseren Lieblingslokalen und Stores ausgelegt. Ruhrgestalten hat sich in kurzer Zeit von einem Gratis A6 Magazin zu einem deutschlandweit vertriebenen Verkaufsmagazin im A4-Format mit über 140 Seiten Inhalt entwickelt. Zwischen 2010 und 2013 ist Ruhrgestalten als Magazin in sieben Ausgaben in wechselnder Besetzung von etwa 50 Mitstreitern erschienen. Ruhrgestalten ist schon immer ein offenes Projekt mit sehr flexiblen Rahmenbedingungen gewesen. Ich arbeite daher bis heute mit einem wechselnden Team von Freelancern zusammen. Einige Freunde sind aber immer mal wieder involviert was mich natürlich auch freut, wenn sich Projekte ergeben an denen man mit der alten „Gang“ zusammen arbeiten kann. Heute versteht sich Ruhrgestalten als Sockel-Marke für kleine bis mittelgroße Projekte aus den Bereichen Content Developing, Design und Konzeption. Neben den gängigen Socialmedia-Kanälen gibt es ein Onlineportal, das neben Artikeln Interviews und ausgewählten Veranstaltungshinweisen für das Ruhrgebiet, seinen Lesern eine Übersicht der Blogs und Medienschaffenden, die das Ruhrgebiet thematisieren bietet. Ich werde häufiger mal gefragt ‚Warum machst du das eigentlich so offen und gibst anderen die Möglichkeit auf deiner Plattform mit Ihren Inhalten zu passieren?’ Für mich ist das nur logisch. Grundlegend geht es mir hier neben dem interessanten Sidekick-Content für meine Leser auch darum zu netzwerken und Projekte von Menschen, die hier leben, arbeiten und eben nicht abgewandert sind, zu supporten und so natürlich auch die Wahrnehmung des Ruhrgebiets als Kulturmetropole zu stärken.

2. Du hast auch „Kontermag“ konzipiert und herausgegeben. Bitte beschreibe die Arbeit an dem englischsprachigen Guide und warum es ihn braucht.

Der Guide ist als Teil des landesgeförderten Projekts #urbanana entstanden, welches im Kern den jungen Städte-Tourismus für die Rhein-Ruhr-Region beleben soll. Für mich war es in der Konzeption daher wichtig den „User first“-Gedanke, der eigentlich dem Webdesign entlehnt ist, nach vorne zu stellen. Ich habe mir also die Frage gestellt: „Was brauche ich, wenn ich im Ruhrgebiet als Tourist ankomme und erstmals nichts weiter über diese Region weiß?“
Das Ruhrgebiet setzt sich aus 53 Städten zusammen. Der Guide behandelt die Kernstädte, das sind für uns Dortmund, Bochum, Essen und Duisburg. Alle vier sind Universitätsstädte, woraus sich dann auch unsere Zielgruppe definiert hat. Der Guide ist jung und soll in erster Linie Spaß machen, durch die Illustrationen auf dem Cover und die frische Gestaltung des Heftes wird das schnell klar.
Ich arbeite bei solchen freien Projekten immer sehr offen an den Inhalten und entwickle zusammen mit dem von mir zusammengestellten Team entlang des Konzeptes Inhalte für ein Medium. Ich bin der Meinung das zwei Gehirne besser denken als eines und fünf besser als drei. Trotzdem muss es eine Person geben die korrigierend als eine Art Leitplanke fungiert und das große Ganze nicht aus den Augen verliert. Dann wird alles gut.
Thematisch haben wir versucht eine Mischung aus urbaner Subkultur, Popkultur und erstklassiger Hochkultur zu erschaffen. Das Heft ist dadurch abwechslungsreich und inhaltlich ausgewogen. Ich verstehe Projekte wie Magazine die aus meiner Hand kommen als Spiegel. Es soll nichts beschönigt sondern hauptsächlich so ehrlich wie möglich dargestellt werden. Ich hoffe, dass der Guide einen guten Beitrag dazu leisten kann eine bessere Übersicht über die Region zu bekommen.

3. Was macht das Ruhrgebiet besonders und unterscheidet es – auch architektonisch und städtebaulich – von anderen Regionen in Deutschland?

Das Ruhrgebiet als solches ist natürlich aus architektonischer Sicht ein ziemlicher Sonderfall. Zum einen liegt das an der Deindustrialisierung des Ruhrgebietes. Industriebrachen wurden zu Gründerzentren, ehemalige Industriekathedralen zu Museen der Kunst, verbrauchte Landschaft zu ökologischen und ästhetischen neu gestalteten Flächen der Freizeitgestaltung umfunktioniert. Hier wurde in den 1970er-Jahren vielen Architekten viele Freiheiten zur Realisierung ihrer brutalistischen und futuristischen Entwürfe gegeben. Es gibt viele Bau-Perlen und extravagante Architektur die es zu entdecken gilt.
Der generelle Eindruck ist jedoch sehr „used“ und ich sage mal eher funktional. Was jetzt gar nicht wertend oder negativ gemeint ist. Das Ruhrgebiet hat gerade deshalb seinen eigenen Charme und ist für jeden einen Besuch wert, der den Pott noch immer nur mit Kohle und „grau in grau“ assoziiert.
Kulturell ist der Pott als Region gefühlt einfach immer schon im Aufbau, aber irgendwie auch immer fünf Jahre hinterher. Die vielen Kommunen und Stadtmarketingbüros machen eine flüssige stadtübergreifende Kommunikation fast unvereinbar. Es ist eben ganz anders als in Berlin wo alles viel gebündelter ist. Dort muss man ja auch nur vor die Tür und loslaufen um sich von irgendetwas entdecken zu lassen. Im Ruhrgebiet hingegen läuft das komplett anders herum ab. Hier muss man etwas genauer hinschauen und gegebenenfalls sogar kurz mal suchen, um etwas bestimmtes oder überhaupt etwas zu finden, wird dann aber auch oft mit dem ein oder anderem Trüffel belohnt – was mir persönlich dann auch meistens besser schmeckt.

4. Wie stehst Du zur „Metropole Ruhr“: gibt es diese Ruhr-Stadt bereits oder ist das bloß eine Marketingidee?

Die jüngste Kampagne der Metropole Ruhr „Stadt der Städte“ kommt meiner Meinung nach sehr solide und mit viel mehr Selbstbewusstsein daher als alles andere zuvor. Ich glaube aber, dass ein Wir-Gefühl oder stadtübergreifende Imagekampagnen hier sehr müßig in Bezug auf ein tatsächliches Umdenken der hier lebenden Menschen zu realisieren sind. Ich gehe allerdings davon aus, dass diese Kampagnen auch nach innen wirken müssen und nicht nur die Außendarstellung stärken sollen. Unter diesem Aspekt möchte man ja erreichen, dass Menschen sich mit der Region identifizieren, was erst mal voraussetzt, dass ich meinen Lebensraum bewusst wahrnehmen und erleben können muss. Also, ein Thema der Infrastruktur. Neben den verstopften Autobahnen ist das ÖPNV-Netz viel zu teuer und überlastet. Wir sind, wenn wir mal über die Rhein-Ruhr-Region sprechen wollen, der dicht besiedelste Fleck in Europa, dafür haben wir hier aber aus Sicht der ÖPNV katastrophale Zustände. Das hat wiederum ganz andere Gründe, die jetzt hier den Rahmen sprengen würden, aber genau daran sollte gearbeitet werden, bevor man sich Image-fördernde Kampagnen ausdenkt.
Ein sehr positives Beispiel zur Lösung dieses Problems ist die jährliche „Nacht der Industriekultur“. Bei der Veranstaltung kann man mit dem Eventticket in der gesamten Ruhrregion reisen, um zwischen den unterschiedlichen Events zu switchen. Dazu muss man sagen, dass Dortmund und Bochum nur 10 Minuten Zugfahrt auseinander liegen, wenn man mal diesen Aspekt als Voraussetzung für das Gelingen vieler anderer Dinge erkennen würde, wäre man schon einen großen Schritt weiter im Prozess.
Außerdem wird offenkundig nicht richtig reflektiert. Ich habe mittlerweile ein relativ großes Netzwerk von Menschen aufgebaut, die sich proaktiv für die Imagepflege des Ruhrgebietes als Region durch Nachrichtenformate wie Blogs, Fanzines oder Veranstaltungsreihen einsetzen. Diese Vereine, Institutionen und Privatinitiativen sind echte Macher, werden aber immer wieder mal gerne als Feindbild des Städtemarketings und eben nicht als Multiplikatoren gesehen. Mein Wunsch wäre, dass hier mal mehr mit den kleinen „Ruhrgebietsaktivisten“ zusammen gearbeitet würde. Authentischer und näher am Empfänger könnte eine Image-fördernde Maßnahme tatsächlich nicht platziert werden.

5. Wo sind Deine Lieblingsorte in Essen, im Ruhrgebiet und außerhalb? Warum?

Einer meiner absoluten Lieblingsplätze im Ruhrgebiet ist die Bank in der Wartehalle des Bochumer Bahnhofs. Hier schaut man am besten über seine Zeitung hinaus die Menschen an, die reihenweise direkt vor einem stehen bleiben, um oben auf die Anzeigentafel nach ihrer Zugverbindung zu schauen. Hier kann man dann alles an menschlicher Vielfalt erleben, die der Pott so zu bieten hat. Sehr gut finde ich aber auch die Brücke der Rellinghauser Straße zur Freiheit sofort hinter dem Essener Hauptbahnhof, hier vor dem RWE-Tower sitzt man mit Blick auf die A40 und hat die Skulptur „Steile Lagerung“ des Düsseldorfer Bildhauers Max Kratz im Rücken und kann den stetigen Strom der A40 zusehen. Am besten sitzt es sich dort zu zweit mit einem Cocktail to go aus der Daktari Bar direkt um die Ecke.
Jetzt geb ich noch zwei Lieblingsorte in Berlin preis, weil mich die Stadt schon seit Jahren begleitet und ich auch sehr regelmäßig dort zu Besuch bei Freunden bin. Vielleicht gar nicht so spektakulär, aber ein Ort, den ich eigentlich immer besuche, ist der Savignyplatz. Dort hält die S-Bahn. Nach verlassen des kleinen Bahnhofgebäudes befindet man sich in einer kleinen Passage, die Else-Ury-Bogen heißt. Auf den knapp 20 Metern Passage findet man kleine Läden und Lokale. Der zweite Ort ist der Körnerpark in Neukölln, der für mich der innerstädtische Park in Berlin ist. Die rund 2,4 Hektar große Parkanlage ähnelt einem Schlosspark. Neben Wasserspielen findet sich im westlichen Teil eine Orangerie, die ein Café sowie eine Galerie für wechselnde Ausstellungen beherbergt.